ERWARTUNGEN • SOMMEREDITION
ERWARTUNGEN • SOMMEREDITION
Zwei Menschen fahren gemeinsam in den Urlaub. Beide freuen sich. Und nach drei Tagen fragen sich beide, warum der andere eigentlich so schwierig ist.
Silke Pauritsch | Streit.Werk.Statt | Lesezeit: 8 Min

Nennen wir sie Niklas und Anna. Vielleicht möchte Niklas morgens gemütlich frühstücken, danach lesen und einfach schauen, was der Tag bringt. Anna hat schon am Vorabend eine Bergtour herausgesucht und würde am liebsten gleich los. Beide wollen einen schönen Urlaub und Entspannung. Nur sieht dieser schöne Urlaub mit Entspannung für beide ziemlich unterschiedlich aus.
Und genau hier kommen ERWARTUNGEN ins Spiel.
Kommt dir das bekannt vor? Also mir schon – und nicht nur aus Erzählungen. 😉
Wir erwarten, dass die Ampel irgendwann grün wird. Dass der Kaffee morgens ungefähr so schmeckt wie gestern. Dass ein Termin zur vereinbarten Zeit beginnt. Dass ein Mensch, den wir gut kennen, sich ungefähr so verhält, wie wir es von ihm kennen.
Ohne Erwartungen wäre unser Alltag ziemlich anstrengend. Sie geben uns Orientierung, helfen uns, Situationen einzuschätzen und uns darauf einzustellen. Auch in Beziehungen spielen sie eine wesentliche Rolle.
Positive Erwartungen gegenüber dem eigenen Partner können sogar beeinflussen, wie dessen Verhalten wahrgenommen wird. Menschen, die mehr positives Verhalten erwarten, nehmen bei ihren Partnern später auch mehr davon wahr.
(PubMed)
Das Problem sind also nicht Erwartungen an sich. Was aber, wenn wir vergessen, dass es unsere Erwartungen sind? Der andere weiß nicht automatisch, was in unserem Kopf passiert – und das ist gut so.
Zurück zu unseren Urlaubern.
In Niklas‘ Kopf passiert etwas, das ganz ohne Absicht abläuft:
WUNSCH „Ich freue mich darauf, einmal nichts tun zu müssen. Nichts planen, einfach durch den Tag treiben zu lassen.“
ANNAHME „Anna braucht auch dringend Erholung nach dem stressigen Projekt.“
ERWARTUNG „Dann verbringen wir unseren Urlaub natürlich ruhig. Keine Anstrengung jeglicher Art.“
Will Anna am zweiten Urlaubstag eine Bergtour machen, kann sich das für Niklas irritierend anfühlen. Womöglich sogar wie ein kleiner Verrat an den gemeinsamen Urlaubszielen: Erholung und Ruhe. Dabei will Anna gar nichts anderes, sie erholt sich nur anders. Und Ruhe findet Anna am Berg. Für Niklas ist allein die Routenplanung schon Stress.
Auch wenn es banal klingt, das ist es keineswegs. Genau solche kleinen Unterschiede laden sich im Alltag schnell auf und führen rasch zu Streit.
Urlaubscrasher Nr.1 & 2: Erwartung & Enttäuschung 💡

Wir erwarten etwas, ohne es ausgesprochen zu haben. Es passiert unbewusst, ohne böse Absicht.
Oft wissen wir selbst gar nicht, dass wir etwas erwarten. Wir haben einfach eine klare Vorstellung davon, wie etwas sein sollte.
Kleiner Selbsttest: Wie schnell sind Antworten in deinem Kopf?
📌 Wann ist ein Urlaub schön? 📌 Was macht eine gute Freundin, wenn man traurig ist? 📌 Wie verhält sich ein guter Partner? 📌 Welche Eigenschaften hat ein guter Chef? 📌 Was macht man in einer Familie und was nicht? 📌 Wie gehen Geschwister miteinander um, wenn ein Elternteil stirbt?
Liege ich richtig, dass du nicht lange überlegen musstest? Erziehung, Erfahrung, Prägung, Mindset - die Basis unserer Erwartungen.
Und weil das alles für uns so selbstverständlich erscheint, gehen wir davon aus, dass es für den anderen ebenfalls selbstverständlich ist. Bis es anders kommt. Dann sind wir enttäuscht, frustriert und manchmal sogar verletzt.
Das ist eine ziemlich hilfreiche Frage, wenn wir uns über jemanden ärgern. Oft formulieren wir einen Vorwurf, dabei geht es aber um unsere Enttäuschung, weil sich etwas nicht erfüllt hat.
„Du interessierst dich überhaupt nicht für mich.“
👉 „Ich hätte mir gewünscht, dass du mich fragst, wie es mir geht.“
„Du willst nie etwas mit mir unternehmen.“
👉 „Ich hätte gerne mehr gemeinsame Zeit. Ich vermisse dich.“
„Du denkst immer nur an dich.“
👉 „Ich hatte gehofft, dass du diesmal auch meine Bedürfnisse im Blick hast.“
Das macht den ursprünglichen Wunsch nicht automatisch berechtigt. Aber es verändert den Blick auf die Situation. Plötzlich geht es nicht mehr nur um „Was stimmt mit dem anderen nicht?“, sondern auch um: Was habe ich eigentlich erwartet? Und wusste der andere davon?
Der Gedanke wandert weg von „Der andere macht etwas (absichtlich) falsch“, hin zu: „Was muss ich vielleicht nur aussprechen, damit es so kommt, wie ich es mir erwarte?“. Und ganz grundlegend: „Was ist tatsächlich meine Erwartungshaltung?“
Besonders interessant wird es, wenn eine Erwartung nicht erfüllt wird. Dann bewerten wir nicht nur das Geschehen. Wir suchen auch nach einer Erklärung und ziehen Schlüsse. Und dabei kann es schnell persönlich werden. Der andere hat etwas nicht getan, was wir von ihm erwartet haben, also muss er:
rücksichtslos sein
mich nicht verstehen wollen
egoistisch sein
mich nicht wichtig nehmen
kein Interesse haben
Vielleicht stimmt das. Vielleicht aber auch nicht. Denn zwischen dem, was passiert ist, und dem, was wir daraus machen, liegt ein ganzer Raum für Interpretation. Gerade in Konflikten übersehen wir diesen „Raum der vielen Wahrheiten“ leicht. Wir sehen das Verhalten des anderen und kennen unsere eigene Geschichte dazu. Was wir nicht automatisch kennen, sind seine Gründe, ist seine Geschichte, ist seine Wahrheit.
Eine Einsicht in der so unglaublich viel Versöhnliches liegt, wie ich finde, ist:

Was für mich selbstverständlich ist, kann für dich völlig ungewohnt sein. Das gilt für Urlaub genauso wie für Beziehungen, Familie oder Arbeit. Nehmen wir das Wort „chillen“.
Die Jungs meiner Freundin erklärten in den Ferien: „Heute wollen wir chillen.“ Neugierig wollte ich wissen, was Sieben- und Achtjährige unter „Chillen“ verstehen. Ihre Antwort: „Das ist unterschiedlich. Es kann von Lesen bis „Durchs – Haus- flitzen“ bedeuten. Konstant ist nur der Ort: Alles findet zuhause statt.“
Noch deutlicher wird es bei persönlichen Bedürfnissen. Ich bin ein Migräne-Mensch und Sonne vertrage ich nicht gut. Ein Frühstück in der Sonne kann für mich bedeuten, dass ich den restlichen Tag mit Schmerzen verbringe. Wer selbst nie Migräne hatte, vielleicht nicht einmal Kopfweh kennt, kann das schwer nachempfinden. Dann kommen gut gemeinte Vorschläge: „Setz halt einen Sonnenhut auf.“
Mein Gegenüber glaubt, dass das hilft. Ich weiß aus Erfahrung, dass es das nicht tut. Das ist ein wichtiger Unterschied. Wir können die Bedürfnisse eines anderen ernst nehmen, auch wenn wir sie selbst nicht nachvollziehen können. Dafür müssen wir sie allerdings kennen.
Nichts zu erwarten? Nein, das wäre vermutlich ohnehin unmöglich. 😊 Hilfreicher ist es, Erwartungen sichtbar zu machen.
Nicht nur „Was erwarte ich, dass der andere tut?“, sondern: Was wünsche ich mir?
Ist das ein Wunsch, ein Bedürfnis oder bereits eine Erwartung an den anderen? Ich darf mir wünschen, dass jemand mit mir spazieren geht. Aber ich kann nicht davon ausgehen, dass er das ebenso möchte.
Weiß der andere davon? Manchmal ist das die erstaunlich einfache Lösung. 😉
💡 Als Frage formuliert - „Ich würde heute gerne etwas mit dir unternehmen. Hast du Lust?“ - fällt es deinem Gegenüber leicht eine freundliche Antwort zu geben.
Verpackst du deinen Wunsch als Vorwurf - „In den letzten Tagen hattest du nie Zeit für mich, heute unternehmen wir etwas.“ , kommt eher eine Rechtfertigung oder ein Gegenvorwurf. Und schon hat sich das Gespräch um deinen Wunsch in eine nervende Diskussion verwandelt.
Nicht alle Wünsche lassen sich gleichzeitig erfüllen. Vielleicht möchte einer Ruhe und der andere Bewegung. Aber es muss nicht einer gewinnen und einer verlieren: Vormittag am Strand, nachmittags eine Radtour. Oder heute so und morgen anders. Miteinander bedeutet nicht, dass beide immer dasselbe wollen.
Und wenn´s mal anders kommt, als erwartet? Vielleicht enttäuschend, vielleicht aber auch nicht. Manchmal ist das Leben sogar besser als unsere Erwartung. 🤗
Was erwarte ich vom Urlaub, von den Menschen, die ihn mit mir verbringen und von mir selbst? Was davon kann ich nicht beeinflussen?
Teile deine Erwartungen mit den Menschen, die mit dir unterwegs sind. Und frage im Idealfall auch nach ihren Wünschen und Erwartungen.
Anders ist nicht automatisch schlecht. Du entscheidest: Ärgern oder annehmen und überraschen lassen, was das „ANDERS“ für dich bereit hält.
Eine Erwartung kann im Kopf schnell zur Voraussetzung für einen gelungenen Tag, einen perfekten Urlaub, eine gute Beziehung werden. Dann hängt unser Wohlbefinden plötzlich daran, ob jemand anderes genau so handelt und, ob alles so passiert, wie wir es uns vorgestellt haben.
Dieser kleine Unterschied schafft Flexibilität für Gespräche, Verhandlungen und Überraschungen. Und manchmal sogar für einen Urlaub, der ganz anders wird als geplant und trotzdem richtig gut.
Nicht weniger wollen, nur mehr und besser darüber sprechen, was wir eigentlich wollen. Was uns guttut. Worauf wir uns freuen und was wir brauchen. Denn der andere kann unsere Gedanken nicht lesen und wir seine auch nicht. Und ganz ehrlich: Ich finde das ist gut so. 😉
Wir dürfen fragen. Wir dürfen erzählen. Wir dürfen überrascht sein. Und wir dürfen feststellen, dass der andere ganz anders tickt als wir. Anders handelt, anders empfindet, anders denkt und deshalb anderes erwartet als wir.
Ein Urlaub muss nicht perfekt, damit er uns guttut.
Die Forschung zu Erwartungen ist umfangreich – etwa dazu, wie Erwartungen unsere Wahrnehmung, Interaktionen und Zufriedenheit beeinflussen. Einige Ausgangspunkte:

Mag.a Silke Pauritsch
Eingetragene Mediatorin von Herzen & aus Überzeugung für Familien, Paare & Teams. Juristin, Generationencoach, Unternehmensberaterin. Will ihren Beitrag zu einer Welt leisten, in der Unterschiede Menschen verbinden. Deshalb gibt es die Streit.Werk.Statt, in der Konflikte Arbeitsmaterial sind. Lösen statt aushalten. Lebensfreude statt Frust.
Silke aus der Streitwerkstatt,
deine Lösung bei Konflikten