*Probleme mit den Nachbarn*

Was kann ich tun, wenn die Nachbarn nerven und ich nicht mit ihnen darüber sprechen möchte?

Eine Klientin kam mit folgendem Anliegen zu mir: „Ich habe ein Problem mit den Nachbarn. Sie sind unheimlich nervend. Wenn ich sie sehe bekomme ich Ausschlag. Was kann ich dagegen tun, wenn ich nicht mit ihnen reden will?“

Auch dein Problem ist lösbar: Kostenloses Erstgespräch

Meine bevorzugte Empfehlung ist ja : „Such das Gespräch und finde dabei heraus, worum es wirklich geht.“

 

Ein ehrlich gemeinter Austausch – im Gegensatz zum verpackten Vorwurf –  führt immer zu mehr Information. Dabei kannst du prüfen, inwieweit sich deine Annahmen mit der Realität deines Gegenübers decken. Nicht immer liegen wir richtig. Oft ist die Interpretation über den Hintergrund oder die Motivation eines Verhaltens zwar nicht schlecht, aber dennoch nicht zutreffend. Sie entspringt unserem Denken, also dem, was wir bisher erlebt, gelernt und beobachtet haben. Anders gesagt, wir schöpfen nur aus dem, was wir uns auch vorstellen können.

Jeder Mensch hat seine individuelle Geschichte. Wir sind unterschiedlich geprägt und haben andere Lebensstrategien kennengelernt. Unter dieser Betrachtung ist es nicht verwunderlich, dass Missverständnisse etwas ganz Normales sind und uns täglich begegnen. Je mehr Menschen auf begrenztem Raum leben, umso mehr „Unterschiede“ treffen aufeinander. Zuschreibungen wie unfreundlich, rücksichtslos und egoistisch erfolgen sehr schnell und meist aufgrund von Annahmen und Interpretationen. Soll sich ein Zustand ändern, müssen die wahren Ursachen ans Tageslicht. Alles andere kostet nur Nerven und Zeit.

Ein Beispiel wie rasch es zu Annahme & Interpretation kommt.

 

Herr Habicht von gegenüber erwidert meinen Gruß nicht mehr. Stattdessen dreht er den Kopf weg und geht schnell weiter. „Wie unfreundlich“, denke ich, „was habe ich ihm getan?“ Als ich einer anderen Nachbarin von dieser Erfahrung erzähle, stellt sich heraus, dass Herr Habicht einen Schlaganfall hatte und seitdem nicht mehr gut hört. Dadurch fühlt er sich unsicher, wenn ihm jemand begegnet. Er schämt sich sogar für diesen „Makel“ und versucht deshalb Menschen aus dem Weg zu gehen. Diese Information wirft ein völlig neues Licht auf die Situation. Und auch auf die laute Musik, die hin und wieder aus der Wohnung von Herrn Habicht schallt.

Sein Verhalten ist weder unfreundlich noch rücksichtslos, sondern eine Folge seiner Krankheit und Ausdruck seiner aktuellen Situation. All das ist von außen betrachtet aber nicht erkennbar.

Jeder von uns hat mit dem eigenen Leben zu tun. Logisch, das ist die Realität in der wir leben. Alles was uns passiert, was wir im Alltag erleben, womit wir uns befassen, hat eine Wirkung auf unser Verhalten, unsere Gefühle und unser Befinden. Je entspannter ich mich fühle, umso leichter fällt es mir für andere Verständnis aufzubringen. Ich bin interessierter und empathischer. Bin ich selbst in einer gestressten Verfassung bleibt weniger „Großzügigkeit“ für die anderen über. Ich sehe die Dinge dann kleinlicher und reagiere sensibler. Das kann zur Folge haben, dass eine Reaktion schon mal heftiger und forscher ausfällt und ich damit den Empfänger irritiere. Wir werden dünnhäutiger, je mehr wir um die Ohren haben.

Zurück zu meiner Klientin und ihren Problemen mit den Nachbarn: 11 Fragen für neue Erkenntnisse

 

Eine Aussprache war zum aktuellen Zeitpunkt für sie keine Option. Ich schlug ihr eine Problemanalyse zur eigenen Reflexion vor. Folgende 11 Fragen haben sie dabei unterstützt:

  1. Was stört mich?
  2. Warum stört es mich?
  3. Was sind meine Annahmen? Habe ich dafür „Beweise“ oder sind es meine Vermutungen?
  4. Wie sehr bin ich in meinem Wohlbefinden dadurch beeinträchtigt? *
  5. Wie viel meiner täglichen Aufmerksamkeit geht in diese Angelegenheit? *
  6. Was kann ich tun, um die Situation für mich zu verbessern?
  7. Was kann ich aktiv tun, um eine Veränderung anzustoßen?
  8. Was davon bin ich bereit zu tun?
  9. Was bedeutet es für mich, wenn ich nichts unternehme?
  10. Was ist das Schlimmste das passieren kann?
  11. Was ist das Beste das passieren kann?

* Skala 1 (gar nicht / 0%) bis 10 (komplett / 100%)

Die Problemanalyse bringt Klarheit über die Situation. Gefühle und Sorgen werden zuordenbar und dadurch bearbeitbar. Damit gelingt der Wechsel von der passiven Opferrolle in die aktive „Ich-kann-etwas-tun-Rolle“. Sobald eigene Optionen erkannt werden, verschwindet die Ohnmacht dem Problem gegenüber. Die Situation kann neu bewertet werden. Und eines ist gewiss: Die Veränderung im eigenen Denken und Tun, bringt auch das Umfeld in Bewegung.

Die Problemanalyse für dich zum Download

Das Resümee meiner Klientin.

 

Beim nächsten Termin berichtete sie, dass sie mit Frage 3 zuerst gar nichts anfangen konnte. Dann begann sie aber darüber nachzudenken und kam zu überraschenden Erkenntnissen. Hatte sie jemals ihren Nachbarn klar gesagt, was sie störte? Sie konnte sich erinnern, dass sie ihnen über den Balkon und bei Treffen im Gang böse Blicke zugeworfen hatte. Und sie hatte sie mit strenger Mine gegrüßt. Sie war überzeugt davon, dass die Nachbarn genau wussten, dass sie sie mit ihrem Verhalten verärgerten. Den „üblen“ Kochgeruch hatte sie ihnen auch einfach so zugeschrieben. Dabei konnte der genauso gut aus einer anderen Wohnung kommen. Und warum war sie über den Geruch überhaupt verärgert? Es kochte ja niemand mit Absicht Essen, das sie nicht riechen mochte.

Durch die Reflexion gelang ihr vor allem eines sehr gut: Sie trennte Annahmen von Tatsachen. Sie fand keinen Hinweis, dass die Nachbarn mit böser Absicht handelten. Woher sollten die denn wissen, dass sie ihre die Bedürfnisse beeinträchtigten? Vermutlich hatten die gar keine Ahnung, warum sie ihnen böse Blicke zuwarf. Sie kam zu der Überzeugung, dass sie mit ihnen darüber musste. Und nun wollte sie das auch sehr gerne tun, denn jetzt sah sie im Gespräch eine Chance.

Sie hatte allerdings Angst hatte, dass die Nachbarn sich angegriffen fühlen könnten. Also übten wir Formulierungen und spielten Gesprächsverläufe durch. Abschließend legten wir noch die Strategie für das geplante Gespräch fest. Sie fühlte sich gut vorbereitet und gestärkt und freute sich schon auf den Austausch mit ihren Nachbarn.

Wenn bei einem Nachbarschaftsstreit keine Mediation/Aussprache bei einem selbständigen Mediator in Frage kommt,  dann kannst du dich mit deinem Anliegen an das Friedensbüro der Stadt Graz wenden.

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